Textauszug: Wir brauchen eine Seniorenbewegung! Mit »Alter« assoziiert die Mehrheit Stillstand und Lethargie. Spaß und lautes Lachen gehören den Jüngeren. Müsste ich wählen zwischen den Volkshochschulkursen »Fitness« und »Seniorenfitness«, würde ich immer den Ersteren belegen. Allein der Begriff »Senioren« steht dabei schon für zeitlupenartige Bewegungen und geflüsterte Anweisungen. Oder? Das sind nur verzweifelte Versuche, eine Zielgruppe scheinbar anerkennend zu benennen, für die man keine Anerkennung empfindet. Dem Ursprung des Wortes wird dieses Klischee allerdings nicht gerecht, denn »senior« bedeutet schlichtweg »älter«, nicht »alt«. Doch ist das auch in unseren Köpfen so? Es gibt niemanden, der wirklich zu dieser Gruppe gehören will, niemanden, der sagt: »Gestatten, ich bin ein alter Mann.« Aus diesem Grund versucht die Gesellschaft – und allen voran die Werbestrategen – wieder und wieder, uns einen netter klingenden Stempel aufzudrücken. Doch auch mit »Best Ager«, »Silver Surfer« oder »Generation Gold« fühle ich mich nicht angesprochen. Das sind doch alles nur verzweifelte Versuche, eine Zielgruppe scheinbar anerkennend zu benennen, für die man gar keine Anerkennung empfindet. Statt den Alten über die Straße helfen zu wollen, sollte man sie besser nach dem richtigen Weg fragen! Die über 60-Jährigen des neuen Jahrtausends sind keine homogene Masse, die im Fernsehsessel auf »Essen auf Rädern« oder die Fußpflegerin wartet. Mancher Senior ist heute fitter und hobbyreicher als seine 30-jährigen Mitmenschen. Dazu kommt meistens eine altersgemäße Gelassenheit und die Erfahrung von sechs oder mehr Jahrzehnten satten Lebens. Statt uns über die Straße helfen zu wollen, sollte man uns lieber nach dem richtigen Weg fragen! Streng genommen altert der Mensch bereits ab der Empfängnis. Altern ist ein lebenslanger Prozess. Die Festsetzung der Altersgrenze, also des Zeitpunktes, ab dem man »alt« ist, ist dagegen ein rein soziales Phänomen. Fragt man zehn Personen, ab wann jemand alt sei, bekommt man zehn verschiedene Antworten. Jedes Pauschalurteil wäre hier fehl am Platze. Die Emanzipation der Frauen hat es gezeigt: Ein falsches Bild in den Köpfen der Gesellschaft kann und muss man ändern. Die Vorherrschaft von Patriarchen war und ist ebenso falsch wie die vermeintliche Überlegenheit der Junioren. Noch bis ins frühe 20. Jahrhundert war Alter gleichbedeutend mit Invalidität und rein biologisch bestimmt. Das Geburtsjahr spielte dabei keine Rolle. Alt war, wer Ein Altersabschnitt als eigenständige Lebensphase des »Ruhestandes« entwickelte sich erst in der Zeit der Weimarer Republik. Der gestiegene Lebensstandard, die Rationalisierung der Wirtschaft und die neuen Rentensysteme ermöglichten es den Menschen erstmals, aus dem Zwang der lebenslangen Arbeit auszusteigen. Davor war die eigene Arbeitskraft der maßgebliche Faktor, um das Überleben zu sichern. Zwar gab es die – oft verklärten, und darum heute immer wieder herbeigewünschten – Großfamilien, in denen die Alten ihren Platz hatten. Aber ob sich dieser am warmen Ofen oder der kalten Wand befand, war stark abhängig von der jeweiligen Schichtzugehörigkeit, dem Alter sowie dem Geschlecht. In der Antike dagegen hätten sich manche schon über die kalte Wand gefreut. Wer im demokratischen Athen 60 wurde, hatte nicht viel zu lachen: Die Gesellschaft grenzte alte Menschen systematisch aus. Der Anteil der Alten an der Gesamtgesellschaft lag damals bei rund fünf Prozent, heute sind es über 20 Prozent. Wer das Säuglings- und Kleinkinderalter überlebte, konnte nach antiken Zeugnissen mit einer auch nach heutigen Maßstäben »normalen« Lebensdauer rechnen. Für den alten Athener mehr Fluch als Segen. Da Dynamik, Schnelllebigkeit und Innovation die antike Gesellschaft bestimmten und man diese Attribute nur den Jüngeren zuschrieb, war für alles über 60 schlichtweg keine Verwendung. In der athenischen Familie fand mit 60 ein Generations-Wechsel statt, im öffentlichen Raum verlor die Wissensweitergabe und Wertevermittlung als traditionelle Aufgabe alter Menschen an Bedeutung. Anders verhielten sich die Römer, hier wurden die alten Menschen wegen ihres umfangreichen Wissens geachtet. In Rom war der Lebensmittelpunkt alter Menschen die Familie. Diese war sogar verpflichtet, dafür zu sorgen, dass es ihren Ältesten gut ging. Gesetz und Sitte gaben den Senioren eine starke Stellung: der Mann war bis zu seinem Tod Familienoberhaupt, der Frau gebührte eine besondere Ehrenstellung. Staatlich gelenkte soziale Sicherungssysteme für das Alter gab es aber weder in Athen noch in Rom – der römische Staat sorgte zwar für mittellose Jugendliche, die Altersvorsorge war jedoch Privatsache. In Griechenland und Rom waren die Nachkommen gesetzlich verpflichtet, für die eigenen Eltern im Alter zu sorgen. Wer dieser Aufgabe nicht nachkam, musste mit Haft und im schlimmsten Fall sogar mit der Todesstrafe rechnen. Aber schon damals gab es Kleingedrucktes: Hatten die Eltern sich geweigert, ihren Kindern eine Berufsausbildung zu ermöglichen oder sie zur Prostitution gezwungen, waren die Kinder von der Fürsorgepflicht befreit. Eines aber war schon damals nicht anders als heute: Politiker hatten es besonders gut. Ihnen gewährte man unter anderem ein lebenslanges Speiserecht im Rathaus . Das demokratische Athen war altersfeindlich, das republikanische Rom altersfreundlich. Die Grundlage europäischer Traditionen reicht also wie so oft auch in diesem Punkt bis in die Antike zurück: Menschen ab 60 werden tendenziell aufs Altenteil gesetzt und haben – mal mehr, mal weniger – Anspruch auf Versorgung. Alles aber immer noch besser als auf Sardinien. Laut einer Legende brachten die Sarden ihre Alten einst einfach in die Berge und ließen sie dort verhungern. Auch wenn die Umstände heute glücklicherweise andere sind: Das Ansehen der älteren Menschen ist nach wie vor ungerechtfertigt negativ. Darum fordere ich: Nach der Frauenbewegung brauchen wir endlich eine Seniorenbewegung! |